Zum Sonntag

Das Teilen wieder lernen


Jan Kowalski ist Pfarrer der römisch katholischen St.-Nikolausgemeinde in Burgdorf

Der 1. Mai wird in vielen Ländern der Erde als „Tag der Arbeit“ begangen. Seit 1889 gibt es den „Tag der Arbeit“. Anlass war ein Streik in Chicago, bei dem viele Menschen getötet und verletzt wurden. Die Gestaltung dieses Tages mit Kundgebungen stößt auf immer weniger Interesse, doch die Frage nach Arbeit und Arbeitsbedingungen stellt sich für viele Männer und Frauen drängender denn je.

Bewusst hat unsere Kirche auf diesem Tag das Gedächtnis des heiligen Josef gelegt, den uns die Bibel unter anderem als Handwerker schildert. Dieser Tag bietet eine gute Gelegenheit, sich über die Arbeit und ihren Wert in unserer Gesellschaft klar zu werden. Arbeit ist mehr als nur Broterwerb allein. Durch Arbeit erhält der Mensch Würde und Identität. In sinnvoller und gerecht entlohnter Arbeit kann er Erfüllung und Freude finden und sein Leben sinnvoll gestalten. Dieser Tag soll aber auch die nicht vergessen, die ohne Arbeit sind.

Die Schere in unserer Gesellschaft geht immer weiter auseinander, die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher. Auch bei uns gibt es Menschen, die Hunger haben, und es gibt Menschen, die so viel haben, dass sie nicht mehr wissen wohin damit. Es verbreitet sich die Unzufriedenheit. Weil die Wirtschaft nur langsam wächst, die Einkommen sinken, es an Arbeitsplätzen fehlt, haben wir Angst vor der Zukunft.

Welchen Stellenwert hat in dieser Situation noch Arbeit für uns? Leben wir, um zu arbeiten oder arbeiten wir, um zu leben? Lassen wir neben unserer Arbeit noch Raum für unsere Mitmenschen und für Gott? Sehen wir die Not derer, die keine Arbeit haben?

Wir müssen uns wieder auf die alten christlichen Werte besinnen und das Teilen wieder lernen. Das Teilen neu lernen ganz ohne Neid, dafür mit viel Freude. Das Teilen mit den Arbeitslosen und Armen, mit den Flüchtlingen und Asylsuchenden. Zu dieser Solidarität sind wir Gott gegenüber verpflichtet, wenn wir das Teilen wieder lernen mit denen, die im Schatten des Lebens stehen. Und vergessen wir vor allem nicht, dass es einzig und allein darauf ankommt, „reich bei Gott“ zu werden. Und fehlt es uns nicht allen eben an diesem Reichtum?