Zum Sonntag

Sachliche Kritik erfordert Nachdenken


Friedrich Kanjahn ist Pastor der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Dollbergen-Schwüblingsen.

Andere kritisieren ist nicht schwer. Sachliche Kritik erfordert jedoch Nachdenken. Gegenwärtig scheint es eine Kultur der unsachlichen Kritik zu geben. Die Themen erscheinen frei wählbar: Beispielsweise werden Äußerungen von Politikern oder anderen Personen des öffentlichen Lebens aus ihrem Zusammenhang gerissen – und anschließend zerrissen, die betroffenen Personen gleich mit.

So holten manche vor dem Hintergrund des schlimmen Missbrauchsskandals, vor allem in der katholischen Kirche, zu einem Rundumschlag gegen alle christlichen Kirchen aus. Es ist wahr: Wer hohe moralische Maßstäbe setzt, wird oft daran scheitern. Es ist aber falsch, aus diesem Grund die Maßstäbe möglichst niedrig zu setzen.

Die Form, wie manche Auseinandersetzungen geführt werden, kann durchaus an Schlammschlachten erinnern. Da geht es nur noch um die Auseinandersetzung und nicht mehr um die Sache selbst. Beliebte Plätze dafür sind Internetforen der Tageszeitungen und der Fernsehsender. Manche Forenbetreiber geben Kommentare erst frei, wenn Regeln wie Sachlichkeit und Achtung der Menschenwürde eingehalten werden. Bei anderen ist es möglich, sich zu jedem Thema zu äußern, ohne sich persönlich zu erkennen zu geben. Die Lust an der Kritik kann leicht zur Lust an öffentlicher Häme werden – eine sachliche Auseinandersetzung scheint vielfach nicht mehr gewünscht. Das kann sogar für Leserbriefe gelten.

Ich möchte Sie zum Nachdenken verführen. Könnte es sein, dass wir an anderen Menschen besonders das kritisieren, was wir viel mehr an uns selbst kritisieren müssten? So hat schon Jesus vom Splitter gesprochen, den wir im Auge des Nächsten sehen – für den Balken im eigenen Auge sind wir jedoch blind.

Zum Nachlesen
Lukasevangelium, Kapitel 6, Vers 36 bis 42